"Geistliche Kahnfahrt"

Geistliche Kahnfahrt

Ich versuche, dem ein Bild zu geben, was nun eigentlich mit mir passiert ist.

Als Mensch ohne Glauben geht man natürlich auch einen Lebensweg. Einmal läuft man auf einer Straße, dann wieder durch einen Wald, manchmal schlägt man sich durch Dickicht und Morast und versaut sich seine Wanderschuhe. Sicherlich erreicht man auch mal eine grüne Wiese, auf der das Verweilen im Sonnenschein lohnt. Eines Tages wandert man dann am Ufer eines Flusses entlang. Der Mensch ist ein einsamer Wanderer auf seinem Lebensweg, doch irgendwann taucht in der Ferne ein einfacher Holzkahn auf, der langsam näher kommt. Eine Gestalt sitzt darin und bewegt das Boot mit langsamen, aber zielgerichteten Ruderschlägen auf den Wanderer am Ufer zu. Der Wanderer kann ihn nicht übersehen. Zu seinem Entsetzen ahnt er auch, wer die Person in dem Boot ist. So geht er weiter, in der Hoffnung, daß das Boot vorüberzieht. Das Boot paßt sich auf gleicher Höhe dem Schritt des Wanderers an, und der Mann darin sieht freundlich herüber, aber er sagt zunächst mal gar nichts. Warum auch? Er ist am Ziel, der am Ufer braucht ihn bloß zu rufen. Der Wanderer fühlt sich unbehaglich, bleibt stur und ruft nicht.

So gehen sie schweigend eine Weile nebeneinander her. Der eine im Boot rudernd, der andere am Ufer wandernd. Jedesmal, wenn der Wanderer seinen Blick hinüberrichtet, um zu schauen, ob der Herr noch wartet, begegnet er den liebenden Augen. "Willst du nicht in mein Boot steigen?" scheint Jesus zu fragen. "Ich nehme dich mit auf das Wasser, wenn du es möchtest. Es könnte eine interessante Reise für dich werden."
Wenn Jesus in seiner Liebe und Gnade nicht an dem Ufer angelegt und mich selbst in sein Boot getragen hätte, würde ich heute noch dort stehen und staunen. Inzwischen habe ich vom Wasser aus auf meinen Lebensweg zurückgeblickt, daher sieht plötzlich alles ganz anders aus.

Ich begreife, der Herr ist schon immer an meiner Seite gegangen und hat mich gestützt und geführt und gehalten. Blind bin ich gewesen, denn ich habe Jesus auf meiner Straße bisher nie gesehen, doch jetzt hat er mich eingeholt.

Herr, ich danke Dir, daß Du mich davor bewahrt hast, mich so schnell wie möglich seitwärts in die Büsche schlagen, als du nahtest. Wenn ich das getan hätte, wäre mir ein unendlich trauriger Blick gefolgt, von dem ich vielleicht nie etwas erfahren hätte. Denn so sieht der Herr jedem nach, der sich von ihm abwendet, nicht in das Boot einsteigt oder ihn gar bittet, ihn nach einer Weile wieder an das Ufer zu setzen.

Ich hoffe, diesen Blick nie kennenzulernen, auch wenn die Stromschnellen und Wasserfälle des Lebens einmal in der Ferne zu rauschen beginnen. Wenn ich Jesus ansehe, während er mein Boot steuert, schauen mich seine liebenden Augen an, und ich weiß, sie leuchten mir auch dann, wenn ich mich im Boot verkrieche und ganz klein mache aus Angst vor den Stromschnellen.
Es kommt nur darauf an, zu glauben und zu vertrauen.

Danke, Jesus.

Chemnitz, den 21. September 1998

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